Walter Willisch

19.11.2016
Retrospektive Radierung zum 80.Geburtstag

Galerie Matze 19. November – 11. Dezember 2016

1968 entstand in Walter Willischs Atelier in Ried-Brig erstmals Druckgrafik. Das heisst vor rund einem halben Jahrhundert druckte Willisch seine ersten Blätter. Die älteste Arbeit, die hier ausgestellt ist (Nr. 27 «Salzhof»), stammt aus dem Jahr 1971. Als ich mir vor ein paar Tagen mit ihm zusammen diese Ausstellung anschaute, erwähnte ich, dass die verschiedenen Arbeitsperioden nicht hervorstechen, man nicht auf den ersten Blick erkenne, welche Arbeiten zuerst entstanden, dass keine chronologische Abfolge sichtbar sei. Worauf er mir antwortete: „Nein, das wollte ich nicht, das wäre langweilig.“

Diese Aussage bezieht sich natürlich in erster Linie auf die Ausstellung. Es ist Willisch, der ebenso viele Ausstellungen gemacht oder an Ausstellungen teilgenommen hat, wie das halbe Jahrhundert Jahre zählt, wichtig dass eine Ausstellung spannend bleibt für den Besucher.

Aber bezieht sich dieses „Nein, das wäre langweilig“ nicht auch auf die Retrospektive, auf die Rückschau eines Lebenswerks. Darf man diese Aussage so interpretieren, dass das Aufzeigen von Vergangenem keiner Reihenfolge bedarf, da sich unsere Gedankengänge ja auch nicht an eine Reihenfolge halten. Unsere Erinnerungen nehmen sich die Freiheit aufzutauchen, wann immer ein unbewusster Anlass ihnen dazu Gelegenheit gibt und sich zeitlich zu vermischen, ohne dass wir begründen könnten, warum uns dies oder jenes wieder in den Sinn gekommen ist. Auf jeden Fall nimmt sich Willisch die Freiheit seine «Ahnen», die er vor 50 Jahren gemalt und radiert hat, einzureihen mit abstrakten Motiven, die erst kürzlich entstanden. Dadurch ergibt sich ein Gesamtbild seines Werks, das wie der Mensch selber, nicht einfach in Epochen unterteilt werden kann.

So sind Gruppierungen entstanden, in denen Wehmut, Erinnerung an vergangene Zeiten, Wärme und Wollust neben Zorn, Entsetzen, Einsamkeit und Machtlosigkeit stehen. Der Kunsthistoriker Stefan Biffiger nannte Willisch einen Künstler, «der in Zurückgezogenheit in seinem Atelier in unbeirrbarer und konsequenter Arbeit seinen eigenen Stil gefunden hat, zäh daran festhält um stetig wieder etwas Neues daraus zu entwickelt». Sein Atelier ist ein Labor, in dem er seinen Gefühlen freien Lauf lässt und sie zu brodelnden Mixturen synthetisiert. Das Experimentieren und Arbeiten mit den Techniken der Druckgrafik ermöglichen ihm Erlebtes nicht nur visuell wieder zu geben, sondern es auch manuell direkt auf der Metallplatte, die er mit energischem Kratzen und Ritzen, mit Abdecklack und Säure traktiert, auszuleben.

Erlernt hat er die verschiedenen Techniken der Druckgrafik wie Radierung, Kaltnadel, Aquatinta in der Mailänder Druckanstalt Grafico Uno bei Giancarlo Pozzi und hat sie erstmals 1968 angewendet. Ab jetzt wechseln sich Mal- und Radierungsphase ab. Im Vergleich zur Malerei wird die Druckgrafik für ihn immer öfter zu einem Instrument, das ihm schnelles, expressives Arbeiten erlaubt.

Die Linien, die er in die Druckplatten kratzt, definieren in den ersten Grafiken nur die Flächen. Dickmaurige Gebäude, verwinkelte Ecken und Gassen, Kirchen, wie Blatt Nr. 6 «Burgkirche Raron», sind erste Sujets. Aber auch die «Ahnen», die die frühe Malerei von Walter Willisch kennzeichnen, erscheinen auf den Radierungen. Konnten sich diese scheuen Männlein und Frauen auf den gemalten Bildern im mystischen Blau verstecken, werden sie jetzt knallhart schwarz auf weiss porträtiert, wodurch ihre Unsicherheit noch verletzlicher wirkt.

Das Haus inmitten der steilen Hänge kehrt als Zufluchtsort dieser kleinen Menschen in der Landschaftsdarstellung immer wieder auf, wobei teilweise Landschafts- und Aktdarstellung ineinanderfliessen und der weibliche Körper zur Häuser gebärenden Erde wird. Willisch behauptet sich bald als Meister der Aquatinta-Technik, es entstehen Blätter in feinsten Grau- und Schwarznuancen, wie Blatt Nr. 20 «alles auf einer Platte». Er braucht Flächen, auf denen er diese feinen Nuancen der Aquatinta Radierung ausleben kann. Diese bietem ihm surrealistische Gegenstände, wie Scharniere, die zu Schmetterlingen werden, oder geometrische Elemente wie Kreise, Dreiecke und Quadrate, die wie Drachen oder Dämonen die kleinen, im unteren Teil des Blattes geduckten «Ahnen», bedrohen. Manche von ihnen stehen ratlos hinter oder vor riesigen leeren Schachteln, unter überdimensionierten Stühlen und Tischbeinen verschwinden sie zu winzigen Figuren, die unbeirrbar und starr ihrem einfachen, pflichtbewussten Lebensstil treu bleiben, als gäbe es nichts auf der Welt, das dies ändern könnte .

Und doch hat es sich geändert. Und genau diese Änderung findet wiederum Einzug in die Radierungen. Die Drohung wird wahr, Risse tun sich auf, die die Welt der «Ahnen» entgültig verändert. Schroffe gebündelte Linien zerstören die Motive, bis die Linienbündel selber zu Motiven werden. Erst vermischen sich noch Gegenständlichkeit und Abstraktion, bis heftige Strichradierungen entstehen, denen man förmlich ansieht, wie der Griffel die Platte geritzt hat. Willisch drückt Entäuschung aus, Chaos, eine Welt, in der Schmerz und Terror immer wieder die Oberhand gewinnen. Unlesbare Kritzeleien untertiteln düstere Liniengebilde, die eine Öffnung nur andeuteten, aber nie ganz erlauben. Vergeblich meint man Motive oder Schriftzeichen in diesen Arbeiten zu erkennen. Wie im richtigen Leben regiert auf seinen Blättern der Zufall und die Unberechenbarkeit. Im Vergleich zur Malerei erlaubt ihm die Radierung ein freieres Experimentieren. Das Ritzen und Ätzen der Metallplatten ermöglichen ein energisches, ein spontanes und schnelles Arbeiten, was jetzt oft den Stimmungen entspricht, denen er Ausdruck verleihen will.

Die «Ahnen» haben in Willischs neuen Welten keinen Platz mehr. Ausgemergelte, spindeldürre, hagere Gesellen sind es jetzt, die über Abgründen hängen, die versuchen, über wackelige Leitern nach oben zu kommen oder über ihnen stehende Drachen zu manipulieren. Die Ausdrucksform hat sich in Willischs jüngeren Radierungen geändert, aber die Motive kehren auf ähnliche Art wieder. Diese lethargischen, drahtigen Lebewesen scheinen sich nur sehr langsam zu bewegen, als wären sie sich bewusst, dass jede Anstrengung sinnlos ist und dass auch ihnen kein Heil beschert ist. Teilweise kann man sie auf den ersten Blick kaum ausmachen in ihrem wirren Umfeld, in dem sie hoffnungslos eingeschlossen sind.

Der Kunsthistoriker Walter Ruppen bezeichnete Willisch vor Jahren als Künstler, der nach Harmonie strebt, sie aber dann immer wieder zerstört. Zeitweise lässt sich dieser Satz auch umkehren. Nach der Auseinandersetzung sucht er Antworten in der Harmonie. Unter den schlichten Titeln „Strukturgebilde 1-6“ zeigt Walter Willisch seine jüngsten Radierungen, die 2016 entstanden sind. Beidseitig vertikale Linien machen einer dunklen Mitte Platz. Es herrscht die Symmetrie. In diesen Radierungen, wie vor Jahren bereits in der Malerei, sucht hier der Künstler Ruhe in einer strengen, meditativen Abstraktion. Denn wie keine andere Kunstrichtung erlaubt die Abstraktion eine Befreiung vom Denken und ein Finden der Harmonie.

Monique Rubin,
Kunstvermittlerin, Kunstverein Oberwallis